Nikon D800: Pixelinflation und andere Überraschungen

BLOG!

Nikon D800: Pixelinflation und andere Überraschungen

Erst kürzlich gab Nikon den anstehenden Verkaufsstart des neuen Flagschiffs D4 bekannt. Nun folgt die nächste heiß ersehnte Produktankündigung. Die D800 kommt voraussichtlich Ende März in den Handel! Auf diese Pressemitteilung  hatte ich lange und mit einiger Vorfreude gewartet. Für mich stand im Prinzip schon fest, dass ich kurz nach dem Produktlaunch zuschlagen werde. Nach einem ersten Studium der Spezifikationen bin ich nun aber überrascht bis irritiert.

Aber fangen wir ganz von vorne an. Wie im Hause Nikon üblich wird auch bei der D800 wieder geklotzt und nicht gekleckert. Gewohnt selbstbewusst führt das Nikon-Marketing sein neues Modell ein und – man höre und staune – stellt es eben mal auf eine Stufe mit dem Mittelformat. Wie bitte? Ja, denn das herausragende und in dieser Klasse bislang einzigartige Merkmal dieser Kamera ist die gigantische Bildgröße.

Unglaubliche 36,3 Megapixel hat Nikon auf dem Vollformat-Sensor untergebracht. Das überrascht gleich in zweierlei Hinsicht. Zum einen galt Nikon bislang eher als Verfechter der moderaten Pixelpolitik. Selbst beim  neuen High-End-Boliden D4 hat man sich mit 16 Megapixeln begnügt. Und nun folgt plötzlich der radikale Paradigmenwechsel ausgerechnet bei der nicht einmal halb so teuren D800.

36 Megapixel sind eine echte Hausnummer. Die Meldung dürfte bei den Technikfreaks unter uns den ein oder anderen Pawloschen Reflex auslösen. Als Reise- und Outdoorfotograf zähle mich aber eher zu den Pragmatikern und bin von dieser Auflösungsgröße vorerst nur  halb begeistert. Zweifelsohne lassen 36 MP ein Höchstmaß an Detailreichtum erwarten und bieten darüber hinaus jede Menge kreativen Spielraum. Vielleicht gibt es sogar tatsächlich einen Hauch von Mittelformatfeeling á la Hasselblad und Mamiya?

Andererseits hinterlassen 36 Megapixel auf Kleinbildformat aber auch einen schalen Beigeschmack bei mir und werfen so einige Fragen und Bedenken auf:

  • Etwas mehr als die lange Zeit als Standard geltenden 12 Megapixel habe ich mir ja schon gewünscht. Aber hat Nikon mit 36 Megapixeln  nicht  doch etwas über das Ziel hinaus geschossen? Braucht das wirklich jemand? Haben Bildkäufer wie Agenturen und Verlage überhaupt die Muse und Notwendigkeit, diese Größen zu handhaben?
  • Die Bildgröße lässt  erwarten, dass es sich bei der D800 um eine echte Diva handeln wird. Die Kamera dürfte bei den Optiken durchaus mäklig sein. Die extreme Auflösung des Sensors könnte selbst die besten Objektive an ihre Grenzen bringen. Wahrscheinlich werden also nur Top-Objektive diese Riesenauflösung auch adäquat abbilden können. Teuer.
  • Angesichts der extremen Auflösung könnte ich mir auch vorstellen, dass die Kamera kleinste Bedienungsfehler, etwa bei Blendenwahl oder Fokussierung, nicht verzeiht.  Auf Grund der riesigen Bildgröße könnte die D800 selbst marginal ungenaues Arbeiten so sichtbar machen wie keine andere DSLR zuvor.
  • Auch Beugungs- und Bewegungsunschärfe dürften bei der gigantischem Abbildungsleistung wesentlich stärker ins Gewicht fallen. Insofern frage ich mich, ob ich meine bevorzugten Blenden auch weiterhin problemlos nutzen kann. Da Landschaft mein Hauptsujet ist, verwende ich meist  f11 bis f16. Es fragt sich auch, ob ein einfaches „Aus-der-Hand-Schießen“ bei annehmbaren Iso-Zahlen überhaupt noch möglich ist. Wahrscheinlich zwingt die Kamera  zu einem sehr präzisen und entschleunigtem Arbeiten. Stativ, Spiegelvorauslösung und Fernauslöser werden sicherlich die besten Freunde der Diva sein. Dies würde auch die Anmerkungen von NGF-Fotograf Jim Brandenburg erklären, der die D800 als einer der ersten Menschen testen durfte, erklären (Link siehe unten).
  • Der CMOS-Sensor wurde ggü. der  D700 offensichtlich nicht vergrößert, soll aber eine dreifache Bildgröße meistern. Das schreit geradezu nach Bildrauschen und lässt nicht gerade exzellente Available-Light-Qualitäten erwarten. Natürlich hat Nikon den Sensor und die Bildverarbeitungsengine weiter entwickelt , aber ob das ausreicht um dem gewaltigen Pixelheer gerecht zu werden?
  • Wenn ich tatsächlich die volle Bildgröße ausnutzen will, dürften die Dateigrößen in astromische Höhen schnellen. In den einschlägigen Foren machen bereits 75 (!) MB für RAW die Runde. Auweia. Zum einen steigt dadurch der Speicherbedarf (Speicherkarten, Back-up-Medien) drastisch an. Da Speicher in den letzten Jahren einigermaßen günstig geworden ist, ist das noch zu verkraften. Viel kritischer dürfte aber sein, dass auch der Rechenbedarf bei Import, Konvertierung und Post-Processing erheblich zunimmt. Das Ganze stelle man sich dann noch in Kombination mit dem ohnehin schon rechenintesiven Lightroom 4 vor. Insofern ist zu erwarten, dass ein Kauf der D800 bedeutet, dass man auch in neue Rechnerinfrastruktur investieren muss. Es sei denn,  man arbeitet bereits mit einem aktuellen, hochperfomanten System.
  • Insofern schließt sich die Frage an, ob es denn möglich ist, RAW mit verschiedenen Größen aufzunehmen, wie man dass bei Canon bereits kennt. Momentan habe ich dazu noch kein Statement finden können.
  • Nikon vergleicht sein neues Flagschiff  angesichts der extrem hohen Auflösung mit Mittelformat. Da reibt man sich selbst als geneigter Nikonian zunächst verwundert die Augen. Immerhin kommt man bei Hasseblad, PhaseOne & Co. locker auf fünfstellige Werte allein für den Body und das Rückenteil. Die D800 ist hingegen für knapp 2.900 € zu haben. Kann das denn eigentlich sein? Irgendwie bin ich da etwas skeptisch.

Aber ich gebe zu, all das sind reine Spekulationen. Insofern wende ich mich jetzt wieder den harten Fakten zu. Und da hat die D800 noch einiges mehr zu bieten, als die gigantische Bildgröße. Die wichtigsten Daten und Features, die für mich von Interesse sind, habe ich einmal heraus gegriffen:

  • CMOS-Sensor im Vollformat mit 36,3 Megapixel
    Das Herzstück der Kamera überzeugt laut Nikon mit besonders großem Signal-Rausch-Abstand, weitem Dynamikumfang und einer 12-Kanal-Datenausgabe. Der Sensor kommt auch in der D4 zum Einsatz und erweckt entsprechend hohe Erwartungen.
  • AF-System  mit 51 Messfeldern
    Bis zu 51 Messfelder, darunter einige Kreuzsensoren, lassen einen präzisen und schnellen Autofokus erhoffen.
  • 3D-Color-Matrixmessung III
    Mit beachtlichen 91.000 Pixeln ist der Sensor reichlich für eine präzise Belichtungsmessung sowie treffsichere Motiv- und Farberkennung ausgestattet.
  • Bildverarbeitungs-Engine EXPEED 3
    Die 14-Bit-A/D-Wandlung und eine Signalverarbeitung mit 16 Bit lassen eine hervorragende Tonwertabstufung und Farbtiefe erwarten. Bleibt zu hoffen, dass die Engine auch die Pixelinflation im Griff hat und nicht furchtbar verrauschte oder rauschfrei zermatschte Fotos liefert.
  • Empfindlichkeit von 50 bis 25.600 ISO einstellbar
    Eine beeindruckende Range. Es bleibt aber abzuwarten, wieviel davon tatsächlich sinnhaft, also ohne signifikante Bildstörungen (Rauschen, Farb- und Texturverlust), genutzt werden kann.
  • Serienaufnahmen mit 4 Bildern pro Minute im FX-Format
    Nun ja, das ist natürlich nicht gerade rekordverdächtig im Olympia-Jahr 2012. Gegenüber der D700 ist die Geschwindigkeit sogar schlechter geworden. Wenn man aber fairerweise bedenkt, wie hoch die Kamera auflöst, dann doch wieder eine akzeptable Leistung. Die Framerate kann übrigens durch Verwendung eines anderen Bildformats und/oder Nutzung des Handgriffs mit Batterien bis auf 6 fps getunt werden. Letzterer schlägt dann aber auch wieder mit fast 400 Euro zu Buche.
  • Überarbeite Auto-Iso-Funktion
    Diese Weiterentwicklung finde ich richtig spannend. Bislang konnte man bei den besseren Nikon-Modellen über die Auto-Iso-Einstellung definieren, ab welcher kritischen Belichtungszeit die Kamera automatisch den ISO-Wert anheben soll, um Verwacklunsgunschärfe zu vermeiden. Oder umgekehrt, die Belichtungszeit automatisch anpassen lassen,  um eine ISO-Stufe möglichst lange halten zu können. Neu ist nun, dass zusätzlich und sinnvollerweise auch die aktuelle Brennweite miteinbezogen wird und die Automatik darüber hinaus je nach persönlicher Zitterneigung auch individuell angepasst werden kann.
  • Bildformat-Flexibilität
    Neben dem klassischen Kleinbildformat (also Vollformat) können auch andere Bildformate wie das DX-Format eingestellt werden. Die Bildabmessungen und Dateien werden dann entsprechend kleiner. Situativ könnte das DX-Format durchaus Sinn machen, um die Brennweitenverlängerung vom DX-Format zu nutzen.  Diese sehe ich im Telebereich nach wir vor als großen Vorteil der Crop-Kameras. Wenn ich im Telebereich also noch etwas mehr Spielraum brauche, aber die Investition in eine der extrem teuren FX-Teleoptiken scheue, diese mir zu unhandlich sind oder ich sie schlicht gerade nicht dabei habe, eine sinnhafte Option für mehr Zoompower.
  • Verarbeitung und Anmutung
    Genial finde ich die kompakten Abmessungen und das geringe Gewicht der Kamera, dass gegenüber der D700 sogar noch marginal reduziert wurde. Das kommt gerade On-Location-Fotografen sehr entgegen, speziell im Vergleich zur D4, die ja doch ein gewaltiger Brummer ist. Das gilt auch für die Magnesium-Legierung und die Abdichtung kritischer Stellen gegen Staub und Feuchtigkeit. In diesem Punkt ist es die ideale Kamera für widrige Outdoor-Einsätze.
  • Zwei Speicherkarten-Slots:
    Man kann die D800 mit einer SDXC (oder SDHC)-Karte sowie einer Compact-Flash-Karte bestücken. Das bringt zwar einerseits Flexibilität bei den Speichermedien. Andererseits hätte ich aber die Beschränkung auf ein Format besser gefunden. Am liebsten zwei SDXC-Slots, da CF-Speicher nach wie vor vergleichsweise teuer ist, keinen für mich spürbaren Geschwindigkeitsunterschied bringt und ich außerdem auch eine Armada von SDXC-/SDHC-Karten besitze. Toll ist die flexible Handhabungsmöglichkeit der beiden Karten. Man kann die Zweitkarte als zusätzliche Speicherreserve, als Backup-Speicher oder nur für bestimmte Dateien (zum Beispiel nur RAW, nur Film) nutzen.
  • Virtueller Horizont zur Kamerausrichtung auf zwei Achsen
    Ein sehr nützliches Feature, das aber die D700 auch schon hatte. Neu ist aber, das die digitale Wasserwaage nun gleichzeitig horizontal wie vertikal beim Bildaufbau hilft. Super ist auch, dass die Hilfe nicht nur im Liveview, sondern auch im optischen Sucher eingeblendet werden kann.
  • Display mit 910.000 Pixeln und Betrachtungswinkel bis 170 Grad
    Klingt gut und sieht hoffentlich auch gut aus. Das große 3,2 Display gepaart mit dieser hohen Auflösung und guter Blickwinkelstabilität lässt das Handling von Liveview und Vorschaubildern auf hohem Niveau erwarten. A propos Live View. Hoffentlich hat Nikon auch hier etwas Entwicklungsarbeit geleistet. Der LV der D700 war ja für seine Bequemlichkeit denn für Performance bekannt.
  • Handling
    Das bei Nikon ohnehin gewohnt gute Bedienkonzept wurde weiter überarbeitet. Unter anderem wurde das Multifunktionsrad komplett neu entwickelt, so dass man z. B. schnell auf verschiedene Betriebsarten wie Einzel- und Serienbild, Leise Auslöung oder Spiegelvorauslösung schalten kann. Hier bin ich gespannt.
  • Neue Out-the-cam-Features wie HDR- und Time-Lapse-Funktion
    Klingt in jedem Fall interessant, aber man hätte im Zweifelsfall auch darauf verzichten können. Wer Interesse an diesen Techniken hat, wird über entsprechende Software-Tools ohnehin verfügen. Zudem wird man mit diesen externen Werkzeugen sicherlich auch wesentlich präzisere Ergebnisse erzielen und mehr Einstellungen vornehmen können. Ich selbst nutze z. B. jeweils Lightroom-Plugins für diese Zwecke (LR Enfuse und LR Timelapse). Gespannt bin ich trotzdem.
  • Full-HD-Filmaufnahmen
    Eigentlich hat mich  Filmen mit DSLR bislang herzlich wenig interessant, was jetzt aber jetzt angesichts der 1080p-Qualität vielleicht ändern könnte. Positiv ist auch die Möglichkeit, externes Mikro anzuschließen oder die Filme direkt über die HDMI-Schnittstelle auszugeben. Aufgenommen wird übrigens im .mov-Format
  • Optischer Pentaprismensucher mi 100%-Blickfeld
    Sehr gut, der Profiklasse entsprechend und gleichzeitig eine Steigerung ggü. der D700.
  • USB 3.0-Schnittstelle
    Ebenfalls sehr sinnvoll, denn das erlaubt eine zeitgemäß zügige Übertragung der Datenmassen, was angesichts der Bildgrößen sicherlich auch dringend notwendig ist.
  • WLAN- und Ethernet-Funktionalität
    Auch ein nettes, wenn vielleicht auch nicht unbedingt notwendiges Feature. Dieses ermöglicht es, eine oder mehrere Kameras über ein kabelloses Netzwerk am Rechner zu steuern, sich LiveView auf den Monitor zu holen oder  sich direkt über das WLAN die Bilder aus der Kamera herunterzuladen. Allerdings frage ich mich, ob eine Übertragung der riesigen Daten via WLAN wirklich Sinn macht und nicht viel zu lange dauert. Nutzbar ist die Schnittstelle übrigens nur mit entsprechendem Adapter, der allerdings mit gut 700 € zu Buche schlägt. Nun ja.
  • GPS-Schnittstelle
    Diese Schnittstelle ist zwar bei Nikon nicht neu, falls ich umsteige, will ich sie nun aber endlich aktiv nutzen. Als Reisefotograf kann ich diese Funktion absolut gut gebrauchen. Einen GPS-Sender vorausgesetzt (es muss ja nicht Nikon sein), wird der aktuelle Standort in die Metadaten der Bilddatei geschrieben. Besonders in Verbindung mit Lightroom 4, welches GPS-Daten auslesen kann und den Standort dann direkt in einer Karte anzeigt, ein echtes Leckerli. Damit würde ich mir zukünftig das aufwendige Absuchen meiner Reiserouten beim Verschlagworten ersparen. Einziger Wermutstropfen: der GPS-Sender nutzt den 10poligen-Anschluss. Somit kann ich gleichzeitig keinen Funkauslöser verwenden, den ich aber sehr häufig nutze. Ein zweiter Anschluss wäre insofern das i-Tüpfelchen gewesen. 
  • Interner iTTL-Blitz
    Darüber habe ich erst ein wenig den Kopf geschüttelt. Denn wer kauft sich schon eine FX-Kamera und zerstört dann frontal mit dem Aufklappblitzchen sein Bild? Eben. Beim zweiten Nachdenken macht der Blitz aber doch Sinn. Und zwar als Master für ferngesteuerte externe Blitze, sofern diese das Nikon-Signal verstehen. Nachteil: der ansonsten penible Kameraschutz könnte hier ein Schwachstelle aufweisen.
  • Kamerainternes Post-Processing  und Konvertierung von RAW
    Sicherlich eher Spielerei. Wer sich diese Kamera zulegt, wird seine Bilder wohl in den wenigsten Fällen intern bearbeiten, sondern seine RAW mit einem anständigen Konverter entwickeln und die Bildbearbeitung feinfühlig in PS, LR oder Capture NX vornehmen. Sinnvoll finde ich allerdings die automatische Verzeichnungskorrektur.

Soviel zu den für mich wichtigsten Daten. Die Auflistung könnte man sicherlich noch lange fortsetzen. Spare ich mir aber, ich bin ja schließlich kein Technikmagazin. Wer mehr wissen will, findet auf den unten verlinkten Seiten wesentlich detailliertere Informationen dazu. Eine harte Kennzahl, die jeden interessieren dürfte, hätte ich fast noch vergessen. Den Preis natürlich. Den Verkaufspreis avisiert Nikon für die D800 auf ca. 2.900 €. Angesichts der offensichtlich wirklich umfangreichen Ausstattung ist dieser Preis aus meiner Sicht angemessen. Darüber hinaus wird eine spezifizierte Variante (D800e) angeboten , die ohne optischen Tiefpassfilter auskommt. Dieser ist üblicherweise in Digitalkameras eingebaut, um unerwünschten Aliasing-Effekten wie Moirés (Farbsäumen) vorzubeugen, kostet aber naturgemäß etwas Schärfe. Damit wird man den Schärfefanatikern gerecht, die Wert auf größtmöglichen Detailreichtum legen. Die D800E wird etwas später für ca. 3.200 € auf den Markt kommen.

Mein Fazit:
Eines muss man Nikon lassen. Den Japanern ist die Überraschung wieder einmal gründlich gelungen. Man hat eine echte Zäsur zur bisherigen Produktpolitik  vollzogen. Den Ansatz moderater Bildgrößen hat Nikon ein für alle mal über Bord geworfen. Die Kamera ist auch nicht die erwartete, evolutionär verbesserte Nachfolgerin der D700. Diese bleibt deshalb auch im Programm. Ebensowenig ist sie die kleine Schwester der D4, wenngleich sie mit ihr viele technische Features wie den Sensor teilt. Mit der D800 will Nikon ganz offensichtlich eine völlig neue Kamerklasse begründen. Und damit sicherlich auch eine neue oder zumindest ganz spezifische Klientel erschließen.

Die Kamera wird, soviel dürfte sicher sein, polarisieren. Auf jeden Fall ist die Kamera sicherlich nicht mehr everybody´s darling wie noch die D700. Die D800 erweckt schlicht nicht mehr den Eindruck eines Allrounders wie seinerzeit noch die D700. Als Zielgruppe sollen hier sicherlich Landschafts-, Architektur- und Still-Life-Fotografen gezielt angesprochen werden, die auf bestmöglichen Detailreichtum und Bildgröße wert legen und/oder große Prints anfertigen wollen. Interessant sein dürfte die Kamera auch für People- und Fashion-Fotografen, die keine  extremen Available-Light-Qualitäten benötigen, weil sie ohnehin im Studio fotografieren. Auch für Filmer könnte die D800 eine neue Option sein, da sie trotz der kompakten Kameramaße Sendequalität aufzeichnen können.  Professionelle Sport-, Action- und Reportage-Fotografen werden wohl eher zur blitzschnellen D4 greifen oder sich beim Erzrivalen Canon umschauen, der fast zeitgleich die beiden ebenfalls hochinteressanten Modelle EOS 1 D X und EOS 5D Mark III herausgebracht hat. Gerade letzeres Modell dürfte auf Grund einer ählichen Zielgruppe der größte Konkurrent der D800 werden.

Aus meiner Sicht hat Nikon hier eine bemerkenswerte Kamera mit außergewöhnlichen,  um nicht zu sagen exotischen Spezifikationen gebaut.  Ob die D800 den hohen Ansprüchen gerecht wird und speziell die riesige Auflösung beherrschen kann, wird sich in den nächsten Wochen und Monaten zeigen. Sollte die D800 dabei reüssieren, ist Nikon in der Tat ein großer Wurf gelungen. Wenn nicht.. Nun gut, lassen wir das lieber.

Bildnachweis: (c) Nikon Europe BV

Nachträge:

  • Nachtrag August 2013: Nachdem ich nun seit gut einem Jahr mit der Kamera arbeite, habe ich einen Artikel über meine Erfahrungen mit der Nikon D800 geschrieben.
  • Mittlerweile hat Nikon mir bestätigt, dass es keine Möglichkeit gibt, kleinere RAW (NEF) im FX-Format aufzunehmen. Beim Rohdatenformat wird grundsätzlich der komplette Sensor genutzt. Es gibt allerdings die Möglichkeit, die RAWs intern zu komprimieren (verlustfreioder irreversibel). Dadurch kann man die Dateigrößen dann zwischen 20 und 55% reduzieren. Wer tatsächlich kleinere Abmessungen wünscht muss entweder auf ein kleineres Format wie DX umstellen oder seine Fotos bereits kameraintern als jpg konvertieren. Für diese Dateiformate gibt es dann die Auwahl aus verschiedenen Bildgrößen. Das ist für mich persönlich sehr unbefriedigend, zumal es bei Canon die Option verschiedener RAW-Größen durchaus gibt und diese wahrscheinlich auch relativ einfach softwareseitig eingerichtet werden könnten.
  • Die ersten ausgelieferten Modelle scheinen teils fehlbehaftet zu sein. Die einen berichten von gelbstichigen Displays, andere klagen über Kameraabstürze bei Nutzung des RGB-Histogramms. Nikon selbst hat einige ausgelieferte Akkus wegen Sicherheitsbedenken wieder zurückgerufen. Bei aller Wertschätzung für Nikon – aber bei einer Kamera in dieser Liga darf das nicht passieren. Hoffen wir, dass die Probleme schnell über Firmware-Updates behoben werden können.
  • Es gibt bereits erste Gerüchte, dass Nikon noch dieses Jahr eine weitere Vollformat-Kamera an den Markt bringen will („D600“). Diese soll angeblich um die 24 Megapixel abbilden können, was angesichts des oben Gesagten ein guter Kompromiss wäre.
  • Die beiden amerikanischen Testplattformen DxO und dpreview, die für knallharte Tests und unverblümte Kritik bekannt sind, haben die D800 getestet. Als ich die Ergebnisse gesehen hab, bin ich fast vom Stuhl gefallen. Wenn man der Studie von DxO Mark Glauben schenken mag, ist die D800 derzeit das Top-Modell unter allen Profimodellen und zwar einschließlich Mittelformat. Die Kamera erzielt beim Dxo-Scoring einen bisher unerreichtem Wert von 95%. Zum Vergleich das Nikon-Flagschiff D4 erreicht 89%. Noch ist überraschender, dass die D800  auch den bisherigen Primus über alle Kameraklassen, das Mittelformatkamera Phase One P65+ übertrumpft. Auch bei dpreview bewertet man die Kamera sehr gut und prämiert sie mit dem Gold Award. Bei aller Euphorie darf man aber dennoch nicht vergessen, dass es sich hier um Laborergebnisse unter idealtypischen Testbedingungen handelt. Das muss noch längst nicht bedeuten, dass die Kamera im praktischen Einsatz ebenso überzeugt. Aber die Ergebnisse stimmen doch sehr zuversichtlich.
  • Die überraschenden Ergebnisse von DxO und dpreview sowie erste Erfahrungsberichte anderer Kollegen  haben mich trotz bestehender Skepsis dann doch motiviert, die Kamera testweise zu bestellen. Leichter gesagt als getan. Leider können derzeit nicht einmal große Spezialhändler wie Calumet, AC-Foto oder Wex (UK) die Kamara ohne lange Wartezeiten beschaffen. Bleibt mir also nur, geduldig abzuwarten. Ich gebe dann Bescheid, wenn ich den roten Teppich für die Diva ausrollen kann.

Ähnliche Beiträge

Kommentare

Ihr Kommentar

Pflichtfeld

Pflichtfeld